Interview MIT VIER ROMAS

Schon mal von „pars pro toto" gehört? Ein gutes Beispiel dafür ist die Roma Bevölkerung. Selten wird so generalisiert und stigmatisiert wie bei ihr. Die Meinung über sie ist schon so gefestigt, dass wir "vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen". Sich für soziale Gerechtigkeit einzusetzen heisst aber, Vorurteile und Stigmas zu hinterfragen. Zoltàn, Arabella, Gyózó und Marika, Offiziere mit Roma Abstammung in Ungarn, helfen uns dabei und werfen Licht auf diesen "Wald", der voller Farben, Leidenschaft und Komplexität ist.

 

Was schätzt ihr an eurer Kultur? Worauf seid ihr stolz?

Z. & A.: Musik könnte als Kennzeichen unserer Kultur gesehen werden. Mit Stolz können wir sagen, dass Romas hervorragende Fähigkeiten in dieser Kunst haben. Beispiel dafür ist, dass die "100 Member Gipsy Orchestra" den Hungarikum-Preis 2014 bekommen hat. Musik ist für uns der schönste Aspekt unserer Kultur.

 

G. & M.: Wir sind familienorientiert, respektieren ältere Menschen und sorgen für sie. Wir haben ein starkes Gefühl von Identität und legen grossen Wert auf Emotionen. Wir haben eine farbenfrohe und reiche Kultur: Tanz, Kunst und Musik sind weltweit bekannt. (Anmerkung des Autors: Wie cool ist der Soundtrack von Sherlock Holmes 2?!)

 

Warum gibt es so viele Vorurteile hinsichtlich der Roma Bevölkerung?

Z. & A.: Dies ist eine sehr komplexe Frage. Einerseits ist es wahr, dass die extreme Armut viele Romas zu einem unehrlichen Lebensstil zwingt. Ehrliche und schwer arbeitende Romas werden leider dann auch mitstigmatisiert. Andererseits muss gesagt werden, dass die meisten Leute uns einfach nicht kennen. Sie kennen unsere Kultur, unsere Lebensgewohnheiten, unsere Denkart nicht… oder kennen nur das, was in den Medien darüber gesagt wird. Die Meinung über unser Volk basiert auf einzelne schlechte Erfahrungen. Viele kennen keine Romas persönlich. Sie glauben aber, alle zu kennen.

 

G. & M.: Am Ende des sozialistischen Regimes wurde Ungarn von Armut schwer getroffen, und Romas umso mehr. Viele erreichten den Tiefpunkt auf spiritueller, physischer und moralischer Ebene. Sie wurden noch mehr ausgegrenzt. Weitere Probleme kamen hinzu: Viele wurden nicht eingeschult, die meisten fanden keine Arbeit (aus Mangel an Bildung oder weil sie Romas sind); sie hatten Mühe sich zu integrieren. Und wir wissen, was Hoffnungslosigkeit und Mangel an Perspektiven in Menschen bewirken. Und das wiederholt sich Generation für Generation.

 

Was würde ich essen, wenn ich bei euch eingeladen wäre?

Wir essen typische ungarische Mahlzeiten; wie wir sie vorbereiten ist aber typisch Roma. „Brassoi"-Fleisch oder Rind und Gnocchi mit Schafkäse, Kohlrouladen, Eintopf…

 

Wie ist es, Roma zu sein, in einer Welt, die Angst vor ihnen hat oder zumindest, sie nicht zu verstehen scheint?

Z. & A.: Es ist in jeder Hinsicht schwer, Roma zu sein. Wir verbringen so viel Zeit damit, andere zu überzeugen, dass wir nicht alle so sind, wie man glaubt. Es gibt so viele Vorurteile. Nicht nur gegen einzelne Personen oder Familien, nein, wir werden als Volk alle in den gleichen Topf geworfen. Wir müssen immer mehr beweisen, mehr tun als andere… und oft ändert es trotzdem nichts. 

 

G. & M.: Es ist ein ständiger Kampf gegen Vorurteile, sogar unter Christen. In der Gesellschaft generell, auf dem Arbeitsmarkt und in Kirchen kommen Romas stets an zweiter Stelle. Wir sind immer wieder Opfer von offenem oder verstecktem Rassismus. Einige Romas geben sich dann noch mehr Mühe, um akzeptiert zu werden… viele ziehen sich aber komplett zurück und weigern sich, Kontakt mit Nicht-Romas zu haben.

 

Wie ist es, ein fast ausschliesslich von Romas besuchtes Korps zu leiten?

Z. & A.: Eine pure Freude! Ich glaube, es gibt kein Volk ohne Probleme. Ich sehe es als Geschenk Gottes, dass ich mich um Leute kümmern kann, die mir nahe sind. Man muss Romas kennen und verstehen, um ihnen wirklich helfen zu können. Da wir selbst Romas sind, sehen wir die Probleme wie sie sind („ohne Brillen, welche die Probleme vergrössern oder verkleinern"). Das heisst nicht, dass ich immer ihre Partei ergreifen werde, aber nur als Roma kann ich wirklich verstehen, was Romas denken und fühlen. Das ist zentral für meine Arbeit! Die Musik, die Kleidung, die Einstellung im Korps sind von unserer Kultur beeinflusst. Aber das sind nur kleine Unterschiede zu anderen Korps; letztendlich sind wir alle gleich vor Gott. Ihm zu gehören ist wichtiger, als irgendeiner Kultur anzugehören. Romas brauchen den gleichen Retter wie alle anderen Menschen, und das ist Jesus Christus.

 

G. & M.: Um mit Romas arbeiten zu können, musst du viel offener und akzeptierend sein; ohne diskriminierende Mentalität. Es ist wichtig, den kulturellen und familiären Hintergrund zu kennen. Die Sozialarbeiter und die meisten Mitarbeiter müssen Romas sein, um sie wirklich verstehen zu können. Moralische, ethische und hygienische Fragen zu behandeln ist extrem wichtig; und viel Aufmerksamkeit und Liebe sollte der Jugend gewidmet werden. Sie sind die Zukunft der Roma-Bevölkerung.

 

Viel zu oft verallgemeinern wir Menschengruppen: Asylbewerber, Migranten, Fremde - und vergessen, dass es sich nicht um eine gesichtslose Masse handelt, sondern um Menschen, Individuen. Sie kennen zu lernen, ihnen eine Chance zu geben und offen zu sein, ist eine Bereicherung für alle Beteiligten.

 

Christine Tursi, März 2015

 

 

 

 

 

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Kommentare: 4
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